in Zusammenarbeit mit David Rych /// 1997 – 2000


Beim Projekt The Bag handelt es sich um das erste kollaborative Projekt von Emanuel Danesch und David Rych. Die Hülle von The Bag grenzt die Person im Inneren von der Außenwelt ab, wodurch die Identität der Benutzer_in zur vollkommenen Anonymität verborgen wird. Sobald die Benutzer_in eine durch die Schnittform vorgegebene kauernde Haltung einnimmt, kann sie unmittelbar zu einem verletzlichen doch gleichzeitig effektiven und provokanten Objekt passiven Widerstandes werden.

 

Die Arbeit entwickelte sich aus Versuchen wie ein anonymer, verhüllter Körper im öffentlichen Raum abhängig von Körperhaltung und Ort von Passant_innen wahrgenommen wird und welche Reaktionen darauf folgen.
Bei Experimenten erwies sich, dass The Bag – die schematisch sichtbare menschliche Form – im urbanen Personenfluß als empfindliches Hindernis wahrgenommen, behutsam vermieden wurde. Dabei entstand auch die Idee, ein Produkt in Serie zu fabrizieren, dessen primäre Funktion individuell nomadische Raumbeanspruchung sein sollte. Weiters kam es zur Idee, ein Squatting/Camoflage-Tool zu entwerfen das jederzeit zur Verwendung kommen könnte – auch reflektierend auf eine sich immer mehr nach innen richtende Jugendkultur.
The bag macht das “Aussen” für die Person “Innen” distant – gleichzeitig aber die Identität des Benützers unerkenntlich.


Die Bilder zeigen den “Prototypen” in seiner Testversion.

Das fertige Produkt The Bag erinnert an ein schickes Accessoir, das jede_r für gewöhnlich mit sich trägt und das sofort die Möglichkeit bietet die Person zu umhüllen wie ein Schlafsack. Mit dem Unterschied, dass The Bag nicht zur Entspannung konzipiert ist, sondern für die Aktion des Raum besetzens. So gesehen verschiebt sich die Rolle der Benützer_in von passivem Ausharren hin zu passivem Widerstand. Wird The Bag in einer kauernden Position getragen so funktioniert sie in ihrer grau-beigen Farbe mehr der Camoflage und passt sich unauffällig dem Stadtraum an. Verändert sich jedoch die Position und Haltung der Benützer_in so verändert sich die Farbe hin zu Signal-orange.

Auch inspiriert von Vorstellungen portabler Funktionalität in der Avantgrade-Architektur der 60er Jahre sowie Survival-Gear als urbaner Dresscode – mit der Idee einer symbolischen Bewältigung der Betonwildnis – ging es vor allem um eine Adaption an eine Gesellschaft in permanenter Bewegung. Privater Raum wird hierbei auf die Dimension eines Kleidungsstückes reduziert. Dementsprechend wurde in Anlehnung an einen Schlafsack eine Montur entwickelt, die als leicht anziehbarer Kokon zur sofortigen Schaffung minimaler Privatsphäre dient. Die Fotos zeigen den frühen Prototyp von The Bag, sowie das fertige Produkt, das als modisches Accessoire auch den Gedanken des Markenfetisches und dessen sozialer Funktion wecken sollte.

Ein paar Überlegungen die den Projektverlauf begleiteten:
Raumvorstellungen im urbanen Kontext werden mit Begriffen wie „öffentlicher Raum, öffentlich zugänglicher Raum, öffentlicher Feiraum, urbaner Raum…“ beschrieben. Solche Begriffe stellen nicht mehr als einen Versuch dar, Raumempfinden als kollektiv zu beschreiben. Diese reduktionistischen Begriffe entsprechen nicht den Ansprüchen, die heterogene Öffentlichkeiten an Räume stellen könnten: die Anforderungen, die Menschen an öffentliche Räume stellen, können sehr vielfältig sein. Im vormodernen öffentlichen Raum stand den Subjekten ein breites Spektrum an Interaktionsmöglichkeiten zur Verfügung. Orte der Dienstleistung sowie Produktionsstätten befanden sich wie auch der Wohnraum in der so genannten Kernstadt. Durch dieses Nebeneinander von „Arbeit, Freizeit und Wohnen“ wies das Alltagsleben eine sehr diverse und lokale Sozialstruktur auf. Der Paradigmenwechsel der Moderne mit seiner rapiden Zunahme an Mobilität stellte neue Anforderungen an den öffentlichen Raum. Die Wohnräume wurden an die Ränder der Städte verlagert, wodurch ein wichtiger Teil des sozialen Raumes verloren ging. In einer weiteren Entwicklung wanderte ein großer Teil der Arbeitsräume ebenfalls an die Peripherie, ohne allerdings die Vernetzung zwischen Wohnen, Arbeiten und sozialer Interaktion wiederherzustellen: sie wurden in abgetrennten Gewerbegebieten und Fabriken angesiedelt.
Diese Entwicklungen veränderten den öffentlichen Raum als einen politischen und diskursiven Raum entscheidend. Am vormodernen „öffentlichen Leben“ mit seinen öffentlichen Plätzen wie Marktplatz oder Straße nahm eine größere Vielfalt an AkteurInnen teil. Eine große Anzahl an Berührungspunkten unterschiedlicher StadtbewohnerInnen gehörte zum durchschnittlichen Alltagsleben.
Diese Sozialstruktur veränderte sich hin zu einem „veröffentlichten Leben“ mit öffentlichen Räumen, die klare Funktionen aufweisen, und damit zu Segregation führten. Plätze der Vormoderne konnten vielfältig genutzt werden und schufen die Möglichkeit für aktives, auch unvorhergesehenes Handeln. Seit dem Beginn der Moderne hingegen werden für vorab klare Funktionen die dazugehörigen Räume geschaffen, in denen nur mehr vorgegebene Handlungen mit eng festgestecktem Rahmen möglich sind. Das trifft für jeden Teilbereich des öffentlichen Lebens zu: Jedes größere Shopping Center wird mit Entertainment – und Gastronomiebereichen ausgestattet, und öffentlich zugängliche Freiräume werden größtenteils nicht nach Überlegungen funktionierenden Soziallebens geplant, sondern nach marktwirtschaftlichen Kriterien ihrer Nutzbarkeit und dem Grad ihres Repräsentationscharakters. Gleichzeitig verschwinden auch konsumfreie Zonen des öffentlich zugänglichen Raumes. An ihre Stelle treten privatisierte Räume mit oft unsichtbaren Ausschlusskriterien, die ihren potentiellen KonsumentInnen ein Set an festgelegten Codes wie Zahlungsfähigkeit, Aussehen etc – sozusagen als Eintrittskarte – abverlangen.
Weiter noch, wandelt sich der angeblich unsicher werdende Stadtraum zu einem kontrollierten Raum, der lückenlos videoüberwacht wird: Eine Diktatur des unsichtbaren Blickes. JedeR wird überall jederzeit potentiell sichtbar sein – „versteckte“ Räume verschwinden, gleichzeitig wird „sich verstecken“ zunehmend als subversiver und krimineller Akt gewertet. Virtuelle Welten treten in Wettstreit mit der Gravitation.
Mit dem Verlust öffentlicher Räume verschwindet Handlungsfreiheit, der „freie Ausdruck“ und der zutiefst menschliche Anspruch „in der Welt zu sein“, sprich öffentliche Räume temporär vielfältig in Anspruch zu nehmen. Die öffentliche Arena verschwindet, die übrig gebliebenen Plätze und Räume sind ihrer sozialen Funktionen beraubt.