Dokumentarfilm / 72 Min / 2006
in Zusammenarbeit mit David Rych

Bei Konturen einer Heimat handelt es sich um einen Dokumentarfilm, welcher im September
2005 in Brasilien gedreht wurde. Handlungssort des Filmes ist eine Tiroler Kolonie, welche
als Folge eines transatlantischen Migrationstroms des Jahres 1857 erhalten blieb.
Als ab 1850 Brasilien auf Druck von Seiten Englands die Einfuhr afrikanischer Sklaven
aufgeben musste und daher um Landarbeiter im Sinne der eigenen Kolonialpolitik warb,
forcierte Erzherzogin Leopoldina von Brasilien, Tochter von Kaiser Franz dem 1. von
Österreich, die Einwanderung und Ansiedlung ihrer Landsleute.

Sie war es auch, die „…die Fahnenfarben des neuen Reiches „grün-gelb“ in Anlehnung an
das Kaiserliche „schwarz-gelb“ Österreichs bestimmte. Grün sollte den Urwald, der zu
bezwingen war, und die Erwartung der Fruchtbarkeit versinnbildlichen, Gold die kaiserliche
Würde.“ (Karl Ilg in „Das Deutschtum in Südamerika“)
Das Neuland blieb ein Ort – weniger des Widerspruches, als einer kontinuierlichen
Ergänzung.

1917 erklärte Brasilien Deutschland und Österreich-Ungarn den Krieg. Im darauf folgenden
Weltkrieg stand Brasilien dem europäischen Faschismus mit entsandten Truppen
gegenüber, worauf es unter anderem zur Suppression zahlreicher Nachfahren deutscher und
italienischer Einwanderer in Brasilien kam, welche Jahrzehnte zuvor anerkannt zusiedelten.

Bedingt durch eine folgende Isolation, doch auch seit einer anhaltenden Wirtschaftskrise in
den dreißiger Jahren nach einem anfänglichen Wohlstand durch Kaffeeproduktion, hatte die
Tiroler Kolonie beinahe 150 Jahre seit ihrer Gründung in einer isolierten Form im Hochland
nahe St. Leopoldina im brasilianischen Bundesstaat Espirito Santo überdauert – zeitgleich zu
geschichtsweisenden Spannungen und Transformationen im alten Europa und insbesondere
einer einprägsamen Rolle Österreichs in der neueren Zeitgeschichte, vom Ausklang der
Monarchie über den Nationalsozialismus zur Gründung der Zweiten Republik.

Mitte der 60er Jahre gewann die Colônia Tirol durch den Völkerkundler Karl Ilg wieder
zunehmend an Aufmerksamkeit. Karl Ilg ermittelte als Verfasser von Werken wie „Das
Deutschtum in Brasilien“ und „Das Deutschtum in Chile und Argentinien“ präzise
Topographien der verbliebenen Familien der ehemaligen Kolonisten.
Sein Hauptinteresse galt allerdings vor allem der Erhaltung des Deutschtums und der
deutschen Sprache in jenen Enklaven. Er bestimmte deutschsprachige Lehrer und trug
Sorge, dass unter anderem die Colônia Tirol mit Deutschbüchern beliefert wurde. Davon
erhoffte sich Karl Ilg einen Aufschwung „in dieser lange genug vergessenen Kolonie, soweit
er noch möglich ist.“

Mit welchen kulturellen Codes, mit welchen Projektionen ihrer Entdecker sahen sich die
Tropentiroler konfrontiert?
Es hat den Anschein als ob die BewohnerInnen der Colônia Tirol ihre Stigmatisierung bis zur
Wiederentdeckung in sich getragen haben. So wird das Stigma mit dem Auftauchen der
„echten Tiroler“ seit den 60er Jahren immer wieder sichtbar.
Wo Karl Ilg vor beinahe 40 Jahren das kulturelle Alien reinszinierte und mit einer
deutschtumgeprägten Projektion begann, blieb der Einfluss einer nationalistischen und
nostalgischen Projektion auf die Colônia Tirol bis in die Gegenwart bestehen.
Die in den 60er Jahren „wiederentdeckten“ Tiroler gelten heute offiziell als Brasilianer und
doch scheint die „alte Heimat“ den Anspruch auf deren Zugehörigkeit beizubehalten und zu
fördern.
Darin finden sich vor allem die Verortungen einer Kultur, die sich selbst in exportierten
Stereotypen zu finden sucht. Eine ungereifte Selbsthinterfragung verschwimmt im Anderen –
einer Appropriation als Ablenkungsmanöver -Kitsch statt Katharsis.
An welchem der Orte ist diese „ursprüngliche“ Kultur noch – oder erneut – authentisch?
Der Dokumentarfilm von Danesch und Rych stellt eine vermeintliche konservierte Kultur
einer Verlagerung von „eigener“ Kultur in den Raum des „Anderen“ gegenüber.
Claude Lévi-Strauss kam zu der Ansicht, dass “…wir, die Menschen, kulturell enteignet,
fortan alle Indianer“ seien.
„…Wir sind im Begriff, uns selbst zu dem zu machen, was wir aus ihnen gemacht haben.”
Permanent auf der Suche nach unberührten Kulturen entdeckte Levi-Strauss in Traurige
Tropen 1955 vor allem das Schwinden jener ursprünglichen Kulturen.
Wie das Andere uns näher kommt, werden wir uns selbst zum Anderen – „Lebt wohl Wilde!
Lebt wohl, Reisen!”

David Rych: http://www.parakanal.com/rych