Dokumentarfilm / 52 Min / 2008

There has been and always will be nostalgia for days gone by. For those simpler times where neighbours swapped stories over the fence, shopkeepers knew each customer by name and families gathered on the porch to tell stories as the twilight faded into night. To bring these human values back into life we have created spheres of exclusive living where „to be at home“ means to feel at home again…

Europa erlebt derzeit eine große Zunahme an geschlossenen, ummauerten und bewachten Wohnsiedlungen, „gated communities“ genannt. Gleichzeitig wird Europa selbst diesem Exklusionsmodell immer ähnlicher. Die Analogie Europas zur gated community liegt nahe. Um die gebauten Abgeschiedenheitsutopien  der gated communities herum, wird an der Abschottung der „Insel Europa“ gearbeitet.

Der Film „livesafelyineurope“ startet als Werbefilm für eine gated community. Schon der Anfangstext – angelehnt an reale Werbetexte für solche Anlagen – wird mit einer Montage aus nostalgischen Kindheits-Bildern, historischen Aufnahmen der Berliner Mauer und Filmzitaten aus „Stepford Wives“ kombiniert. In einem Kaleidoskop von Szenen aus Gated Communities, europäischen Außengrenzen, Migrantenghettos und abgeschotteten Bereichen aus der virtuellen Welt des „Second Life“ hinterfragt der Film das anfangs klare Bild von Sicherheit und zeigt die Ambivalenz dieser Konstruktion. Er verweilt bei den blinden Flecken und den Ausgeschlossenen des Gesellschaftsmodells der „Gated Community“ im kleinen wie auf europäischer Ebene. Durch den Film führt eine Textmontage aus Werbetexten für Gated Communities und offiziellen EU-Texten zu Grenzschutz und Sicherheit.

Innerhalb des abgeschlossenen Raumes der Gated Community zu wohnen verspricht Sicherheit, Service und Konformität für die Einen – Ungewissheit für die Anderen. Europa wie auch der gated community an sich liegt eine Struktur zugrunde, die ganz klare Hierarchien schafft und rechtslose Subjekte produziert, die in einem andauernden Ausnahmezustand gehalten werden: die Grenzen Europas wie auch das Eingangstor einer beliebigen europäischen gated community öffnen sich für mobile Arbeitskräfte die nach getaner Arbeit, im Gegensatz zu ihren privilegierten Arbeitgebern, wieder auf die andere Seite der Grenze zurückmüssen. Für die Dauer ihrer Arbeit jedenfalls, leben sie in einem für sie rechtsfreien Raum.



Der Film livesafelyineurope schaltet unterschiedliche Arten von Abgrenzung kurz. In Ceuta, der spanische Exklave auf dem afrikanischen Kontinent, wo sich eine der Außengrenzen der Europäischen Union befindet, taucht der Film in den „Ethnoscape“ einer chinesischen community ein. Dabei wird eine nicht offensichtliche Form der Abgrenzung sichtbar: die Betreiberin eines chinesischen Restaurants erzählt von Migration, Konkurrenz, der nahegelegenen Grenze zu Marokko und ihren marginalen Berührungen zu ihrem sozio-geografischen Umfeld. Der Film zeigt dass auch im Cyberspace, einem „Ort“ der eine Utopie von Grenzenlosigkeit vorgibt, Grenzen in höchst traditioneller Form zu finden sind. Virtuelle Räume wie Gebäude, Grundstücke, Inseln.. im Second Live sind durch unsichtbare Detektoren gesichert. Versucht ein Avatar (virtuelle Identität eines/einer TeilnehmerIn) sich über eine dieser unsichtbaren Grenzen hinwegzusetzen, wird ein „NO ENTRY“ Schriftbanner lesbar wobei in manchen Fällen der Avatar auch durch ein virtuelles Sicherheitssystem vom betreffenden Grundstück per Teleport entfernt wird. Video – footage aus der virtuellen Welt des „Second Live“ wird tatsächlichen Überwachungskameraaufnahmen des marokkanisch – europäischen Grenzzaunes gegenübergestellt. In einer Bildästhetik die an Computerspiele erinnert, sind Menschen im Scheinwerferlicht zu sehen, die mit selbst gebauten Leitern versuchen den Grenzzaun zu überwinden, während die Grenzpolizei alles unternimmt um sie davon abzuhalten. Einer jener Menschen die es geschafft haben über den Grenzzaun von Ceuta und die Meerenge von Gibraltar hinweg europäisches Festland zu erreichen trifft in der Montage des Filmes auf Herrn Leitinen, Executive Director von FRONTEX (European Agency for Border Control). Zwei Perspektiven zur Migrationsproblematik die eng miteinander verbunden sind, aber unterschiedlicher nicht sein könnten: was für den Einen Überlebenskampf bedeutet wird vom anderen in technokratischer Manier als operativer Einsatz zur Sicherung der Grenze beschrieben.

Demgegenüber zeigt der Film BewohnerInnen von gated communities in mehreren europäischen Ländern: auf der Suche nach Abgeschiedenheit, Angst vor der Außenwelt. Die Vorteile des exklusiven Lebens innerhalb der gated community sind die Themen der Einen, prekäre Arbeitsverhältnisse und  Sehnsüchte werden von DienstleisterInnen in- und für gated communities angesprochen.

Gated Communities vermitteln eine Illusion von Mitbestimmung, die sich jedoch nur auf Details beschränkt: Ein Bewohner einer französischen Community erklärt, dass etwa die einheitlich zu haltenden Farben der Fassaden und Fensterläden gemeinsam beschlossen würden. Ähnlich baut auch die Europäische Union und ihre Mitgliedsländer auf einer Placebo-Demokratie auf, die Mitbestimmung suggeriert, in der die großen Entscheidungen aber von einer winzigen Gruppe getroffen werden, während jene, die davon betroffen sind, mit Gewalt ausgeschlossen werden.

Die Entscheidungsfindung findet in abgeschlossenen Räume, temporären Gated Communities statt: Der Film zeigt, wie beim G8-Gipfeltreffen nahe der deutschen Stadt Rostock Mauern von PolizistInnen wie ferngesteuert auf DemonstrantInnen losmarschieren und damit eine unüberwindbar erscheinende temporäre Grenze bilden. Vor dieser ferngesteuerten Biogrenze demonstrieren Tausende von Menschen in der Absicht jenen Zaun zu erreichen, hinter dem die GipfelteilnehmerInnen über Milliarden von nicht eingeladene Menschen diskutieren und bestimmen.

Der 2,5 Meter hohe, mit NATO-Draht bestückte Zaun, windet sich auf über zwölf Kilometern Länge rund um den Tagungsort des Gipfels durch Wiesen und Wälder und schließt an beiden Enden mit der Ostsee ab. Wie die Bilder vermitteln, scheint ein dringendes Sicherheitsbedürfnis der GipfelteilnehmerInnen nicht unbegründet zu sein.

Eine wachsende Zahl an sicherheitssuchenden EuropäerInnen bringt neben der Zunahme an gated communities weitere Transformationsprozesse in der europäischen Wohnlandschaft mit sich. Gegenüber der klar abgegrenzten Wohnsiedlung, der frei gewählten Lebensform innerhalb des persönlichen Wunschghettos – also der community per Identitätsdefinition – steht die unfreiwillige Ghettoisierung, die zwar auch stark mit Identitätszuschreibungen zusammenhängt, dies aber unter gegensätzlichen Bedingungen:

Zu sehen sind, ein Roma Bezirk im bulgarischen Kazanlak, der während des Kommunismus durch eine hohe Betonmauer von der umliegenden Bevölkerung abgetrennt wurde und ein von MigrantInnen bewohnter Bezirksteil in Padua in Italien, der ebenfalls durch eine drei Meter hohe und 84 Meter lange Stahlmauer von der umliegenden Bevölkerung abgegrenzt wurde.

Am Ende des Filmes wird durch die Verschränkung von Bildern einer gated community, CCTV – Kameras und der Fahne der Europäischen Union das Bild einer Gesellschaft erzeugt, die von ihren eigenen Ängsten eingeschlossen scheint. In dieser Gesellschaft wird „Fremdes“ kategorisch ausgegrenzt, ob es sich nun um geografisch oder sozial „Fremde“ handelt: ausgegrenzt wird, was nicht der Uniformität des fragilen Projektes europäischer Identität entspricht.

 

Credits:

Regie: Emanuel Danesch
Klavier: Sven Sauerwein
Schnitt: Emanuel Danesch
Effekte: Benjamin Thörmer
Sprecherin: Julie McCarthy
Produktion: Margarethe Weiss / Emanuel Danesch
Dolmetsch: Italien – Else Prünster, Spanien – Elsa Garcia, Bulgarien – Maria Dimitrova Kuschelieva
Übersetzung: Spanien – Elsa Garcia, Bulgarien – Maria Dimitrova Kuschelieva
Footage: Nils Olger, Camino Media

Gefördert von: Stadt Wien, BKA, Land Tirol, SOHO, TKI